Was man beim Mantrailing übers Loslassen lernen kann

Seit ein paar Monaten betreibe ich mit einer unserer Hündinnen Mantrailing. Dabei suchen Hunde mithilfe ihres Geruchssinns versteckte Personen. Sue ist 2,5 Jahre alt, ein Labrador und für ihre Rasse eher untypisch, apportiert sie nicht gerne. Daher sind wir beide zum Trailen gekommen.

Etwas Interessantes habe ich dabei beobachtet

Wie wichtig eine gute Basis, Klarheit, Loslassen und Vertrauen für den Sport sind! Die Basis ist der richtige Rahmen, den ich schaffe: Dass Sue das passende Geschirr trägt, ich eine Schleppleine und Futter habe. Damit sie erfolgreich arbeiten kann, muss sie wissen, was sie tun soll. Dazu verknüpfen unser Trainer und ich einen Gegenstand der zu suchenden Person mit einem Befehl, sobald sie daran schnuppert. Mittlerweile weiß sie, dass sie suchen darf, wenn Tobias ihr eine Klamotte vor die Nase hält und ich dabei „Trail“ sage.

Und ab dann, arbeitet sie selbstständig …

Ich habe sie zwar an einer 5 m langen Leine, lasse sie in diesem Radius dennoch alleine gehen. Zu Anfang steht sie oft vor mir, schaut mich an und will meine Hilfe. Die Selbstständigkeit fällt ihr schwer. Mein Vertrauen, dass sie es schaffen wird, Geduld zu haben, aber nicht einzugreifen, führen dazu, dass sie von Stunde zu Stunde mutiger wird. Heute ist sie so weit, dass sie, wenn sie ihr Keyword hört, in den Arbeitsmodus verfällt und losgeht.

Zu Beginn sind die Trails leicht, gradlinig, kurz. Mit der Zeit werden sie länger, gehen um mehrere Ecken, über freie Flächen, durch Wohngebiete, in Einkaufszentren, wo sich der Duft mit vielen anderen Gerüchen vermischt. An Kreuzungen läuft sie in Sackgassen, erlernt, dass das Austesten jeder Möglichkeit ihr hilft den richtigen Weg zu finden. Sie bekommt immer mehr Sicherheit sich auf ihre Nase zu verlassen. Wenn sie meint, die richtige Spur zu haben, wird sie schneller, hebt nur unmerklich den Kopf und stürmt los.

Ich merke, je klarer ich in meiner Körpersprache bin, sie mit der immer gleichen Stärke an der Leine halte, desto fokussierter und auch schneller findet sie die Zielperson. Und dann gibt es von mir ein ganz großes Lob und eine fette Belohnung mit ihren Lieblingsleckereien. Die Bestätigung, dass sie ihren Job grossartig erledigt hat.

Wieso erzähle ich das?

Weil sich für mich im Mantrailing Aspekte finden, die ich auch in der Persönlichkeitsentwicklung junger SpielerInnen im Jugendfußball entdecke. Wie hilfreich es ist, den jungen Menschen einen Rahmen vorzugeben, in dem sie sich sicher fühlen. Ihnen einen Spielraum zu geben, in dem sie sich austesten, Herausforderungen annehmen und Fehler machen können und ganz wichtig auch DÜRFEN. Da zu sein und in den wertvollen Austausch bei Fragen, Feedback, Anmerkungen zu gehen. Und für mich persönlich das wichtigste Kriterium:

Vertrauen in den Spieler zu haben! Denn das stärkt sein Selbstbewusstsein, sein eigens Ich, ungemein.

Egal, ob ich nun Trainer, Eltern, Lehrer oder in anderer Form mit Kindern und Jugendlichen zu tun habe, sollte mir bewusst sein, wie wichtig in diesem Kontext das Lassen und Loslassen ist. Nämlich in den abgesteckten Grenzen meinem Kind, dem SpielerIn, dem SchülerIn, etc. die Verantwortung zu übergeben und erst dann einzugreifen, wenn die Grenzen überschritten werden. Grundlegende Voraussetzung dafür ist, dass ich demjenigen/derjenigen vertraue.

Vermutlich wird es zu Situationen, Lösungsansätzen, o ä. kommen, die ich so vielleicht nicht erwartet habe, ich dennoch akzeptieren sollte. Denn nicht dass, was ich vorgebe, glaube und wünsche, ist das Nonplusultra, sondern, dass, was mein Gegenüber empfindet, entscheidet, denkt. Das ist der Schritt des Loslassens.

Auch wenn es oftmals schwierig und ja schmerzhaft ist, kann sich die Persönlichkeit junger Menschen nur entwickeln, wenn auch ich dazu bereit bin, sie ihren Weg gehen zu lassen.

Er/sie soll seine/ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Das verlangt von mir u. a. Geduld, Offenheit, Toleranz, Zuversicht und Mut. Und oftmals einen langen Atem, denn nicht im ersten Anlauf klappt es problemlos. Doch möchte ich durch meine tägliche Arbeit als systemischer Coach und meine Erfahrungen als Mutter eines fußballspielenden Sohnes jeden dazu ermutigen. Denn es bietet so viel Mehrwert – für beide Seiten …