Warum du die Bedürfnisse der Eltern kennen solltest

 

Am Ende meiner Vorträge oder Workshops frage ich die Teilnehmer*innen immer, was sie aus der Veranstaltung mitnehmen und was ihr AHA-Moment ist. Das ist für mich immer ein ganz spannender Moment, da die Aussagen sehr individuell sind und ich darüber auch erfahre, wo ich meine Zielgruppe weiter unterstützen kann.

In meinem letzten Live-Webinar für Jugendleiter*innen schrieb ein Teilnehmer dazu in den Chat:

Eltern haben auch Bedürfnisse!

Diese Erkenntnis ist so wichtig und nach dem Wunsch etwas zu verändern, der nächste wichtige Aspekt.

Wenn du dich mit den Bedürfnissen deiner Spielereltern mal näher beschäftigt hast, kannst du viele Situationen, die du mit ihnen erlebst, viel besser einschätzen, bewerten und dann eben auch verändern. Du weißt, welche Informationen sie von dir benötigen, um sich sicher zu fühlen und dir zu vertrauen. Wenn du das nicht weißt, wirst du in alten Strukturen stecken bleiben.

Ich verrate dir hier drei wichtige Impulse, um die Bedürfnisse der Spielereltern näher kennenzulernen. Außerdem erkläre ich, was ein Bedürfnis ist, welche Bedürfnisse Eltern haben und wie du dieses Wissen in deiner Arbeit einsetzen kannst, damit eure Zusammenarbeit entspannt und stressfrei ist.

Möchtest du lieber reinhören?

1. Was ist ein Bedürfnis?

Wir alle haben unsere Bedürfnisse und bevor wir ins Thema einsteigen, möchte ich Dir eine kurze Definition geben.

Unter Bedürfnis versteht man den Mangel an etwas, der im Menschen den Wunsch auslöst, diesen Mangel zu beheben. In diesem Zusammenhang spricht man auch von Bedürfnisbefriedigung.

Individual- vs. Kollektivbedürfnis
Bedürfnisse lassen sich in Individualbedürfnis und Kollektivbedürfnis unterscheiden.
Unter Individualbedürfnis fällt das Bedürfnis zu essen, trinken, schlafen, lesen, etc. und ist etwas, das in der Regel jeder für sich selber befriedigen kann.

Kollektivbedürfnisse sind Wunschvorstellungen, die von vielen Menschen empfunden werden und auch nur von einer ganzen Gemeinschaft, Gruppe oder Gesellschaft befriedigt werden können. Dabei gehört der Wunsch nach Sicherheit zu dem wichtigsten Kollektivbedürfnis. Das spüren wir gerade alle durch den Krieg in der Ukraine. Danach folgt der Wunsch nach Geborgenheit, Zuwendung und Liebe.

Existenz-, Kultur- und Luxusbedürfnis
Bedürfnisse lassen sich jedoch nicht nur daran messen, wer sie äußert, sondern auch nach ihrer Dringlichkeit. Dabei wird in Existenzbedürfnisse, Kulturbedürfnisse und Luxusbedürfnisse unterschieden.

Das Existenz- oder auch Grundbedürfnis ist das wichtigste Bedürfnis des Menschen. Wie das Wort schon sagt, kann ein Mensch ohne die zeitnahe Erfüllung dieses Bedürfnisses nicht überleben. Wie zum Beispiel der Wunsch nach warmer Kleidung im Winter, regelmäßigen Mahlzeiten und sauberem Wasser.

Unter Kulturbedürfnisse fallen z. B. der Besuch von Kino, Konzert, Theater oder Lesen und unter Luxusbedürfnis fällt wie der Begriff schon sagt, alles, was Luxus ist: Schmuck, Haus, Auto …

Bedürfnis ist nicht gleich Bedürfnis

Bei diesen Definitionen ist eins wichtig zu beachten:

Diese Bedürfnisse sind gemessen am westlichen Lebensstandard. Sie sind nicht für alle Menschen gleich und können je nach Lebenssituation, Lebensraum, Alter, Kultur, Gruppenzuhörigkeit, etc. pp. variieren.

Dafür möchte ich dir gerne ein Beispiel geben:
Zugang zu sauberem Wasser aus dem Wasserhahn ist in unserem Leben eine Selbstverständlichkeit. In vielen Ländern der dritten Welt ist es ein Luxusgut, weil es diesen Zugang nicht gibt und das Wasser oftmals kilometerweit aus einem Brunnen geholt werden muss.

2. Welche Bedürfnisse haben Eltern im Kinder- und Jugendfußball?

Eltern wollen das Beste für ihr Kind!
Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Das ist ein Grundbedürfnis vieler Väter und Mütter nicht nur im Sport, sondern das wünschen sie sich generell für ihren Nachwuchs.

Sie wollen, dass es ihrer Tochter und ihrem Sohn …

  • gut geht
  • sich wohlfühlt
  • sicher ist
  • Spaß hat
  • vielleicht auch erfolgreich ist
  • etwas lernt
  • sich bewegt
  • Freunde findet
  • etc. pp

Je besser es ihnen gelingt, dass ihr Kind – aus ihrer Perspektive betrachtet – glücklich ist, desto wohler fühlen sie sich, desto mehr wird ihr Bedürfnis nach Zufriedenheit, Ruhe, Entspannung, Sicherheit befriedigt. Es ist eine Symbiose zwischen Eltern und Kindern:

Geht es meinem Kind gut, dann geht es auch mir gut!

Die Bedürfnisbefriedigung ist bei jedem anders
Das eine Elternteil ist bereits zufrieden, dass sein Kind ab und zu am Wochenende spielt. Das andere braucht für sein Seelenwohl, dass Sohn oder Tochter jede Woche von der ersten Minute spielt. Also, werden sie unterschiedlich damit umgehen, wenn du ihr Kind von Beginn an oder nur hin und wieder spielen lässt – je nach ihrem Bedürfnis.

Du siehst an den paar Fakten, die ich aufgezählt habe und es gibt noch weitaus mehr, dass das Verständnis davon, das Beste für mein Kind zu wollen, bei Eltern unterschiedlich ist. Damit variiert auch das Bedürfnis und der damit verbundene Wunsch nach Befriedigung.

Wenn Eltern ihr Kind glücklich und zufrieden erleben möchten, kannst du dir vorstellen, dass es für sie schwierig werden kann, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Nachwuchs …

  • unzufrieden ist
  • unglücklich ist
  • nicht verstanden wird
  • nicht die entsprechende Anerkennung bekommt
  • enttäuscht ist
  • unregelmäßig spielt
  • nicht auf der richtigen Position spielt
  • nicht ausreichend gefördert wird
  • und ganz wichtig in einem Umfeld ist, was sie nicht kennen.

Und damit meine ich das Hobby an sich, den Verein, die Mannschaft und/oder dich als Trainer*in, Jugendleiter*in.

Eltern suchen passende Lösungen
Was tun sie? Sie suchen sich Lösungen, damit das Wohlbefinden ihres Kindes und damit auch ihre Zufriedenheit wiederhergestellt wird. Und das kann zu einem Verhalten führen, was du nicht verstehst, nicht nachvollziehen kannst und oftmals auch nicht mit deiner Arbeit und deinem Trainingskonzept übereinstimmt.

Ein wichtiger Aspekt für ihr Vorgehen ist, dass sie den Blick auf das Individuum, nämlich auf ihr Kind, richten. Diese Beziehung steuert maßgeblich ihr Verhalten.

Im Gegensatz zu dir … Als Trainer*in schaust du auch auf den Einzelnen/die Einzelne. Der Fokus deiner Arbeit liegt jedoch auf der gesamten Mannschaft.

3. Wie kannst du diese Informationen für dich nutzen?

Du weißt jetzt, was Eltern wichtig ist. Um sich sicher zu fühlen, vertrauen zu können, loslassen zu können, brauchen sie Informationen. Denn die wenigsten Eltern kennen die Rahmenbedingungen im Fußball, kennen sich mit dem Vereinsleben aus, wissen, welche Anforderungen an ihr Kind und an sie gestellt werden.

Ich selbst gehörte zu den Eltern, die es toll fanden, dass ihr Sohn Fußball spielte. Es hat mich aber überhaupt nichts mit diesem Sport verbunden.

Es hätte für mich auch jeder andere Sportart sein können.

Damit will ich dir zeigen, dass ich keinen blassen Schimmer von den Details hatte. Ich wusste wenig über Zeitaufwand, wie und wo ich unterstützen kann und später über Ernährung, Physio, Support bei/nach Verletzungen. Zu diesen und vielen anderen Themen hätte ich mir Infos gewünscht!

Was ich dir damit sagen möchte:

Eltern sind Experten für ihr Kind, jedoch nicht für den Sport. Das bist du!

Also, hol sie da ab, wo sie stehen und nimm sie mit. Du bist der Experte/die Expertin im Fußball, bringst Wissen mit, das dir in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Oftmals wird vorausgesetzt, dass Eltern schon viel über Fußball und Vereinsstrukturen wissen, wenn sie ihr Kind bei dir anmelden. Doch das sind vereinzelte Ausnahmen. In der Regel triffst du auf Eltern, die sich im Hobby ihres Kindes mehr schlecht als recht auskennen.

So kannst du die Bedürfnisse der Eltern befriedigen
Damit dir das gut gelingt, überleg dir mal, was du brauchst, wenn du neu irgendwo bist, sei es im Hobby, Studium, Arbeit oder auf Reisen zum Beispiel. Letzteres geht auch sehr gut, wenn du noch keine Kinder hast.

Schalte mal dein Kopfkino an und begebe dich an einen Urlaubsort, an dem du noch nie warst. Was brauchst du, um dort eine gute Zeit zu haben?

Du brauchst Informationen, du willst wissen, was dich erwartet. Ähnlich ist es auch bei den Spielereltern. Sie brauchen oftmals noch ein bisschen mehr Vertrauen und Sicherheit, wenn es um ihren Sohn oder ihre Tochter geht.

Wenn du willst,  …

  • dass Väter und Mütter dir wirklich vertrauen
  • dass sie sicher sind, dass ihr Kind in guten Händen ist
  • dass ihr gemeinsam eine angenehme Basis für Spieler/Spielerin bietet
  • dass Eltern ebenso dazu gehören, wie alle anderen in deinem Team,
  • dann musst du aktiv werden.

Wenn du meine Blogartikel regelmäßig liest, weißt du vielleicht, dass ich mit dem Begriff „müssen“ recht sparsam umgehe. Nur hier ist er wirklich angebracht, denn der Impulsgeber für die Veränderung bist du. Denn vergiß nicht:

Du bist der Experte/die Expertin auf dem Platz und weißt, was du brauchst!

Wenn du den Wunsch hast, gemeinsam mit den Spielereltern zusammenarbeiten und die Motivation ihres Verhaltens verstehen zu wollen, dann machst du mit dem Wunsch nach Veränderung und dem Blick auf die Bedürfnisse der Eltern den ersten und super wichtigen Schritt in euren Beziehungsaufbau.

4. Was ich dir ans Herz legen möchte

Etwas, was du bereits schon oft von mir gehört hast und was ich nicht müde werde zu sagen, da es mir super wichtig ist:

Sei dabei geduldig – mit dir UND den Eltern.

Siehe es wie eine neue Taktik, die du mit deiner Mannschaft erarbeiten willst. Das geht nicht von heute auf morgen, braucht Zeit, es werden Fehler gemacht und hin und wieder gehst du auch mal einen Schritt zurück, damit es dann wieder nach vorne geht. Und du glaubst daran, dass die Umsetzung gelingen wird. Hab das gleiche Zutrauen auch in die Zusammenarbeit mit den Eltern deiner Spieler*innen …

Ich hoffe, meine Impulse haben dir geholfen und du kannst die Spielereltern aus einer anderen Perspektive betrachten, die es dir leichter macht in die Zusammenarbeit zu kommen.

Was ist den Eltern in deiner Mannschaft besonders wichtig? Verrate es mir gerne im Kommentar!