Der Flaschenhals des Jugendfußballs

Seit dem frühen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2018 steht auch der Jugendfußball wieder verstärkt im Rampenlicht der Analysen. Ein spannendes Thema in dem Zusammenhang ist der Aspekt, wie viele Jugendfußballer den Übergang zu den Profis schaffen bzw. Profi werden.

Je nach Statistik sind das zwischen 2-3,5 %. Auf den ersten Blick eine verschwindend kleine Zahl, wenn man sich die vielen Fußballvereine und Fußballspieler anschaut. Und sehr abstrakt. Denn auf was beziehen sich die Zahlen? Auf die drei Ligen der Bundesliga? Die Topligen Europas? Ab der U10 gerechnet?
Um das Ganze ein wenig plastischer zu machen, spreche ich darüber mit Anton Schumacher, pädagogischer Leiter des Nachwuchsleistungszentrums und Leiter des Internats von Eintracht Frankfurt.

Er erklärt mir die Berechnung, die Markus Hirte, Leiter des DFB-Talentförderprogramms zugrunde legt. Dabei geht es um die Spieler, die nach zehn Jahren Ausbildung in der U19 spielen.

  • In der 1. und 2. Bundesliga, dem „wirklichen“ Bezahlfußball, stehen pro Kader 25 Plätze zur Verfügung, bedeutet bei 36 Vereinen 900 Arbeitsplätze.
  • Die eine Hälfte – 450 Spieler – sind Spieler, die in Deutschland ausgebildet werden, die andere Hälfte sind Spieler, die aus dem Ausland gekauft/ausgeliehen sind.
  • Die Altersspanne in einer Profimannschaft wird auf 10 Jahre zwischen 20 – 30 Jahre gelegt.
  • Rechnerisch kommen bei den erwähnten 450 Spielern 45 Plätze auf ein Lebensjahr.
  • Bei 55 Nachwuchsleistungszentren in Deutschland wechseln zahlenmäßig weniger als ein Jugendspieler pro Jahr und NLZ in den Profibereich. Natürlich auch abhängig von dem jeweiligen NLZ. Schalke beispielsweise bringt mehr Spieler als Essen hervor.

Wenig Plätze für viele Spieler!

So ein bisschen vergleichbar mit den Meeresschildkröten … Von denen gelangen auch nicht alle ins Wasser, die schlüpfen. Erwarten wir auch gar nicht. Im Jugendfußball ist das irgendwie anders … Da fallen schnell Begriffe wie gescheitert, nicht geschafft, versagt. Ist das wirklich so? Wenn die Grundvoraussetzungen so sind wie beschrieben? Und die anderen 97 % gar keine Chance haben?

Wir übersehen schnell, was solche Bewertungen bei einem jungen Menschen anrichten können. Denn erst mal haben sie über Jahre ihr Bestes gegeben, sich dem Fußball verschrieben, vielleicht auch auf viele Dinge verzichtet (wobei ich kaum einen Spieler kenne, der diese Zeit missen möchte). Oftmals erfahren sie dafür wenig Wertschätzung, wenn sie die vergangenen Jahre in Jugendmannschaften von NLZs gespielt und sich in der Jugendbundesliga mit anderen gemessen haben.

Denn es geht immer nur um diesen einen Punkt: Wird er Profi?

Die letzten Jahre ist es leider bereits ab der A-Jugend ein Thema. Wer da raus kommt und keinen Profivertrag hat, der hat’s landläufig nicht gepackt. Eine m. E. fatale Entwicklung. Der Übergang von den Junioren zu den Senioren ist für viele Spieler ein großes Erwachen.

Ich würde sie als DIE größte Herausforderung bezeichnen.

Hier sind sie keine Jugendlichen mehr, stehen gestandenen und erfahrenen Spielern gegenüber, die ihnen körperlich überlegen sind und sich nicht ihren Mannschaftsplatz streitig machen lassen wollen; das Spiel ist ein anderes, oftmals härteres; sie wechseln in Teams, in denen sie vielleicht nie bis selten spielen werden, werden wahllos verliehen; spielen oft in Ligen, die ihnen den Anschein vermitteln, damit Geld verdienen zu können und sind nicht mehr die Jungs, die an die Hand genommen werden. Meist prasselt das alles ohne große Vorwarnung auf sie ein. Nicht leicht, damit umzugehen!

Vielleicht gelingt es uns vor diesem Hintergrund ein bisschen milder über junge Spieler zu urteilen und greifen ihnen eher unter die Arme, damit sie nicht orientierungslos im Fußball herumeiern.