Wie du mit klaren Erwartungen Elternarbeit entspannter und wirksamer gestaltest

„Wir sprechen so viel mit den Eltern und trotzdem läuft es bei uns nicht gut.“ Oder: „Kann ich klar sagen, was ich von Eltern erwarte?“

Das sind zwei typische Aussagen von Trainer*innen, die ich auch in meinen Workshops gehört habe. Bei näherer Betrachtung kommt schnell heraus: Es geht um Erwartungen und Erwartungshaltungen. Denn über diese wird in den meisten Fällen nicht klar miteinander gesprochen. Sie werden teils vorausgesetzt und führen dann nicht zum gewünschten Ziel. Übrigens auf beiden Seiten.

Da uns das Thema nicht nur im Kinder- und Jugendfußball, sondern überall in unserem Leben begegnet, möchte ich in meinem heutigen Blogartikel darüber schreiben, was genau Erwartungen sind, warum du deine Erwartungen kennen solltest und warum es wichtig ist, sie klar zu formulieren.

Elternarbeit im Kinder- und Jugendfußball ist ein sensibles Feld. Nicht, weil Eltern grundsätzlich schwierig wären, sondern weil hier Emotionen, Hoffnungen und Erwartungen aufeinandertreffen. Und zwar häufig unausgesprochen.

Alle wollen im Kern dasselbe:

  • dass Kinder Spaß haben
  • sich entwickeln
  • sich wohlfühlen

Und trotzdem knirscht es immer wieder am Spielfeldrand, nach Spielen, in WhatsApp-Gruppen.

Für mich stellt sich daher die Frage:
Warum fällt es uns so schwer, Erwartungen in der Elternarbeit klar zu benennen, obwohl sie so viel verändern können?

Bevor wir uns die Frage näher anschauen, lass uns damit beginnen, was Erwartungen überhaupt sind.

Willst du lieber hören statt lesen? Dann findest du hier die dazugehörige Podcast-Episode:

1. Was sind Erwartungen in der Elternarbeit?

Erwartungen sind innere Vorstellungen davon, wie Eltern sich verhalten sollten – und umgekehrt.

Trainer*innen erwarten zum Beispiel:

  • Vertrauen in ihre Arbeit
  • Zurückhaltung an der Seitenlinie
  • Unterstützung statt Kritik
  • Verständnis für Entscheidungen und Entwicklungsprozesse
  • Loyalität gegenüber Teamregeln
  • ehrenamtliches Engagement ohne Aufforderung

Eltern wiederum erwarten häufig:

  • faire Behandlung ihres Kindes
  • Transparenz bei Entscheidungen
  • individuelle Förderung
  • Kommunikation auf Augenhöhe
  • Sicherheit und Orientierung

Diese Erwartungen von Trainer*innen und Eltern sind legitim und wichtig. Problematisch wird es dort,

2. Warum entstehen gerade hier so viele Missverständnisse?

In der Elternarbeit treffen unterschiedliche Perspektiven aufeinander:

  • Eltern sehen ihr Kind, sehen das Individuum.
  • Trainer*innen sehen die Gruppe, das Kollektiv.

Dazu kommt ein emotionaler Aspekt, über den selten offen gesprochen wird:

  • Viele Eltern haben Angst, ihr Kind könnte benachteiligt, übersehen oder in ihren Augen nicht erfolgreich sein. Denn zahlreiche Eltern definieren sich über den Erfolg ihres Kindes.
  • Viele Trainer*innen haben Angst, ständig bewertet, infrage gestellt oder kritisiert zu werden. Gerade im Ehrenamt führt das zu Frust und Stress und lässt viele ihren Job quittieren.

Diese Unsicherheiten bleiben oft unausgesprochen.

Helfen würde hier der gegenseitige Austausch und das Verständnis dafür, was jede Partei braucht, um sich gesehen, respektiert und wohlzufühlen.

Doch häufig bleibt das aus und es wird eher mit Kommentaren, Rückzug, Widerstand oder Frust reagiert.

3. Woran erkennst du deine eigenen Erwartungen?

Ein guter Hinweis sind Situationen, die dich innerlich stark bewegen.

Zum Beispiel:

  • wenn Eltern von außen reinrufen
  • wenn Spielzeit diskutiert wird
  • wenn Vertrauen fehlt
  • wenn Gespräche emotional werden

Fragen, die helfen können:

  • Was genau stört mich gerade?
  • Was hätte ich mir von den Eltern gewünscht?
  • Welche Erwartung steckt dahinter?
  • Was hätten Eltern von mir gebraucht, um die Situation zu vermeiden?

Denn oft richtet sich der Ärger weniger gegen das Verhalten selbst, sondern gegen eine nicht erfüllte Erwartung, die nie klar formuliert wurde.

4. Warum ist es so wichtig, Erwartungen klar zu formulieren?

Eltern können Erwartungen nicht erraten. Zahlreichen Eltern fehlt das Fachwissen zum Sport und zu Vereinsstrukturen. Umso wichtiger ist es, ihnen Hilfestellung zu geben und konkret zu formulieren, was du erwartest und was du von ihnen brauchst, damit ihr in ein wertschätzendes und von Augenhöhe geprägtes Miteinander kommt.

Das ist auch wichtig für die Spieler*innen. Denn sind Erwartungshaltungen nicht geklärt, können sie schnell in Loyalitätskonflikte geraten, wenn Erwachsene unterschiedliche Dinge voraussetzen oder von ihnen verlangen.

Klar formulierte Erwartungen:

  • schaffen Orientierung
  • reduzieren Konflikte
  • stärken die Zusammenarbeit
  • entlasten Spieler*innen

Wichtig dabei: Es geht nicht um Regeln von oben, sondern um Transparenz und Beziehung. Dazu ist das WARUM und der GEWINN für beide Parteien ein hilfreicher Hebel.

Nicht „So ist das bei uns.“, sondern eher:
„Um einen guten Job zu machen, brauche ich von euch Unterstützung, zum Beispiel beim Aufbau im Training, um die Trainingszeit mit den Spieler*innen, und auch mit deinem Kind, voll ausschöpfen zu können, damit sie sich weiterentwickeln können und wir uns bestmöglich auf das nächste Spiel vorbereiten.“

5. Warum fällt genau das oft so schwer?

Weil Elternarbeit Klarheit und Mut braucht.
Mut, Dinge anzusprechen.
Mut, Grenzen zu setzen.
Mut, auch Unverständnis auszuhalten.

Viele Trainer*innen wollen niemanden verletzen, keine Diskussionen lostreten oder „streng“ wirken. Gleichzeitig entstehen genau dadurch Grauzonen, in denen sich Unsicherheit ausbreitet und das auf beiden Seiten.

Hinzu kommt, dass viele Erwartungen geprägt sind durch eigene Erfahrungen als Spieler*in, die eigene Historie, Werte und Erlebnisse in der eigenen Familie oder Jugend. Diese können wir nicht ausklammern. Sie haben Auswirkungen auf unser Handeln und unsere Kommunikation.

6. Was kann Elternarbeit erleichtern?

Aus meiner Sicht vor allem eines: Dialogräume. Orte, an denen nicht nur informiert, sondern miteinander gesprochen wird. Nicht lang und ausschweifend, sondern klar und auf den Punkt. Denn Entwicklung entsteht dort, wo Menschen miteinander im Austausch sind und sich ernst genommen fühlen.

Hilfreich können sein:

  • Elternabende mit Raum für Fragen und Austausch
  • klare Kommunikation zu Rollen und Werten zu Saisonbeginn
  • verständliche Erklärungen von Entscheidungen
  • eine wertschätzende Fehlerkultur für ALLE
  • die Bereitschaft zuzuhören, auch wenn es unbequem wird

Abschließend möchte ich noch einen persönlichen Impuls mit dir teilen. Ich habe im letzten Monat an der Stillemeditation von Dr. Eva Scheller teilgenommen. Zweimal am Tag zu festen Zeiten gab es die Möglichkeit, 20 Minuten in Stille zu sitzen, zu liegen oder zu stehen. Zusätzlich hat Eva uns jeden Tag einen Impuls geschickt. Einen möchte ich gerne mit dir teilen.

Wir glauben oft, wir kennen die Antwort, wir wissen, wie Menschen im nächsten Moment reagieren. Das passiert uns gern in engen Beziehungen, nach dem Motto: „Jetzt hast du schon wieder nicht den Müll rausgebracht.“ In solchen Momenten sind wir nicht im Jetzt, sondern arbeiten mit vergangenen Erfahrungen. Viel entspannter für beide Seiten wäre es, so auf die Situation zu blicken, als hätten wir sie noch nie erlebt. Eva nannte das „die Frische der jeweiligen Erfahrung“.

Ich kann mit diesem Impuls sehr viel anfangen. Denn gerade in der Meditation habe ich gelernt, dass sie jedes Mal anders ist. Mal war ich direkt bei mir und meinem Atem, mal habe ich liebevoll meine Gedanken auf später vertröstet und mal war es richtig laut. Ja, Gedanken können unbarmherzig und störend sein. Aber auch das ist okay.

Ich habe erlebt, wie gut es tut, sich einfach hinzusetzen und zu schauen, was passiert, und nicht die Erwartung zu haben, ich sei 20 Minuten nur bei mir und meinem Atem und kein Gedanke stört mich. Erstens passiert das meistens nicht, und zweitens gebe ich damit schon die Richtung vor und bin genervt oder enttäuscht, dass es nicht „funktioniert“, so wie ich es mir wünsche.

Mir hilft dieser Blick, nochmals anders auf meine Erwartungshaltung Menschen und Dingen gegenüber zu schauen. Trotzdem wird es Momente geben, in denen meine Erwartungshaltung nicht erfüllt wird. Weil das einfach zu unserem Leben gehört. Vielleicht auch etwas, was du einmal ausprobieren möchtest.

Fazit

Elternarbeit wird nicht leichter, wenn alle gleich denken, sondern wenn Erwartungen sichtbar und klar geäußert werden. Die der Trainer*innen, Vereinsfunktionär*innen, Eltern und Spieler*innen.

Ja, es wird dabei zu Reibungen kommen.
Ja, es kostet Zeit und Energie.

Aber genau dort, wo Erwartungen ausgesprochen, erklärt und gemeinsam getragen werden, entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist die Grundlage für das, was wir alle wollen:
einen Kinder- und Jugendfußball, der stärkt, verbindet und Freude macht.

Wie gehst du mit deinen Erwartungen und den Erwartungen der Eltern um? Wenn du magst, schreib mir dazu gerne eine Mail. Ich würde mich freuen.