Im Gespräch mit Lykka Maibaum
In meinem Podcast spreche ich immer wieder darüber, wie wichtig gute Kommunikation, klare Strukturen und echte Zusammenarbeit im Kinder- und Jugendfußball sind. In dieser Episode durfte ich mit einer jungen Frau sprechen, die genau dafür steht: Lykka Maibaum. Sie ist 19 Jahre alt, spielt beim FSV Hansa 07 und engagiert sich seit ihrem 13. Lebensjahr ehrenamtlich als Jugendtrainerin. Für dieses Engagement wurde sie im Oktober 2025 als Ehrenamtliche im Berliner Sport ausgezeichnet.
Kennengelernt habe ich Lykka im Dezember bei der Veranstaltung Ehrenamt mittendrin – Engagement im Berliner Sport des Landessportbundes Berlin. Schon dort hat mich ihre Klarheit beeindruckt. In unserem Gespräch wurde schnell deutlich: Ehrenamt funktioniert heute nicht mehr nach alten Mustern.
Wer junge Menschen gewinnen und langfristig binden möchte, muss Aufgaben, Strukturen und Ansprache neu denken.
Warum Vereine dabei nicht nur mehr Engagierte brauchen, sondern vor allem bessere Bedingungen schaffen müssen, erfährst du in diesem Blogartikel.
Willst du lieber hören statt lesen? Dann findest du hier die dazugehörige Podcast-Episode:
Inhaltsverzeichnis
Warum Ehrenamt neue Bedingungen braucht
Viele Vereine stehen vor demselben Problem: Es gibt immer mehr Kinder und Jugendliche, die Fußball spielen wollen, aber nicht genug Menschen, die den Trainingsbetrieb, die Organisation und alles drumherum tragen können. Wartelisten werden länger, Aufgaben bleiben an wenigen Personen hängen und der Alltag im Verein funktioniert oft nur, weil einige wenige dauerhaft über ihre Grenzen gehen.
Auch beim FSV Hansa 07 ist die Nachfrage groß. Der Verein ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, besonders im Kinder- und Jugendbereich. Gleichzeitig werden die Grenzen deutlich: nicht nur personell, sondern auch strukturell. Es fehlt nicht am Interesse der Kinder. Es fehlt an Platzkapazitäten, an Ressourcen und an tragfähigen Rahmenbedingungen für die Menschen, die sich engagieren.
Ehrenamt scheitert selten an fehlender Bereitschaft, sondern oft an den Bedingungen, unter denen es stattfinden soll.
Genau darin liegt ein zentraler Punkt unseres Gesprächs: Wer heute über Ehrenamt spricht, darf nicht nur fragen, warum sich zu wenige engagieren. Die wichtigere Frage lautet: Was müssen Vereine verändern, damit Engagement überhaupt möglich und attraktiv wird?
Wie junge Menschen ins Ehrenamt hineinwachsen
Lykka ist mit 13 Jahren ins Ehrenamt gestartet. Nicht durch ein großes Konzept, sondern weil ihre damalige Trainerin sie direkt angesprochen hat. Sie fragte sie, ob sie ein jüngeres Team unterstützen möchte. Genau dieser persönliche Zugang war entscheidend. Kein allgemeiner Aufruf, kein unpersönliches Gesuch, sondern eine konkrete Einladung.
Aus dem ersten Ausprobieren wurde ein langfristiges Engagement. Lykka hat nach und nach mehr Verantwortung übernommen, verschiedene Altersklassen begleitet und erlebt, wie viel Freude es machen kann, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu unterstützen.
Das zeigt etwas sehr Wichtiges: Junge Menschen engagieren sich. Aber sie müssen gesehen, angesprochen und begleitet werden. Es reicht nicht, darauf zu hoffen, dass sie von allein kommen.
Wer junge Menschen fürs Ehrenamt gewinnen will, muss ihnen früh zeigen: Du bist hier willkommen, du kannst das und dein Beitrag zählt.
Gerade im Jugendfußball liegt darin eine große Chance. Junge Spielerinnen und Spieler bringen Nähe zur Zielgruppe, eine starke Vorbildfunktion und oft ein gutes Gespür für die Lebenswelt der Kinder mit. Das ist kein Nachteil wegen fehlenden Alters, sondern ein echter Mehrwert.
Aufgaben sichtbar machen statt voraussetzen
Ein besonders spannender Punkt im Gespräch war die Frage, was Ehrenamt im Verein eigentlich alles umfasst. Denn oft denken wir zuerst an Trainerinnen und Trainer, Vorstände oder die klassischen Helferrollen bei Turnieren. Doch die Realität ist viel breiter.
Ein Verein braucht Menschen, die Materialien sortieren, Bestellungen verschicken, Kommunikationswege organisieren, Plakate erstellen, Informationen weitergeben, den Überblick behalten und an vielen kleinen Stellen mithelfen. Genau diese Aufgaben werden häufig übersehen, weil sie nebenbei laufen.
Das Problem dabei: Was nicht sichtbar ist, kann auch nicht bewusst verteilt werden.
Lykka beschreibt sehr klar, wie wichtig es ist, solche Aufgaben zunächst einmal zu sammeln und sichtbar zu machen. Erst dann kann ein Verein konkret sagen, wo Hilfe gebraucht wird. Erst dann können Menschen einschätzen, ob etwas zu ihnen passt.
Ein Beispiel aus ihrem Verein: Für den Materialcontainer wurden gezielt Menschen gesucht, die einmal pro Woche für eine überschaubare Zeit Ordnung schaffen. Keine riesige Verantwortung, kein dauerhaftes Amt, sondern eine klar umrissene Aufgabe.
Das klingt erstmal klein, ist es aber nicht.
Denn genau solche Aufgaben entlasten die Menschen, die sonst ohnehin schon viel tragen. Gleichzeitig eröffnen sie anderen einen realistischen Einstieg ins Ehrenamt.
Engagement passend machen statt überfordern
Ein Fehler, den viele Vereine machen: Sie denken Ehrenamt noch immer in großen, festen Rollen. Eine Person übernimmt eine Aufgabe komplett, möglichst langfristig und möglichst so, wie es schon immer gemacht wurde. Für viele Menschen passt dieses Modell heute schlicht nicht mehr zu ihrem Leben.
Lykka formuliert das sehr treffend:
Die Bedingungen müssen sich an die Lebensrealität der Menschen anpassen, nicht umgekehrt.
Das bedeutet konkret: Aufgaben kleiner schneiden, Verantwortung teilen, Teams bilden und flexible Modelle ermöglichen. Nicht jede Person kann zweimal pro Woche Training geben und jedes Wochenende auf dem Platz stehen. Aber vielleicht kann sie einmal pro Woche unterstützen. Oder im Wechsel mit anderen. Oder nur einen bestimmten organisatorischen Teil übernehmen.
Engagement wird dann möglich, wenn Vereine nicht nur Aufgaben verteilen, sondern auch mitdenken, wie diese Aufgaben ins Leben der Menschen passen.
Genau darin liegt ein Umdenken, das viele Vereine dringend brauchen. Nicht das starre Besetzen von Posten sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage: Was braucht es, damit Menschen gerne mitmachen und auch dabeibleiben?
Warum Vielfalt im Ehrenamt so wichtig ist
Im Gespräch wurde auch deutlich, wie eng das Thema Ehrenamt mit Vielfalt verbunden ist. Auf dem Platz erleben wir oft bereits eine große Unterschiedlichkeit. In den Vereinsstrukturen dahinter sieht es häufig anders aus.
Dabei wäre genau dort Vielfalt genauso wichtig.
Verschiedene Perspektiven, unterschiedliche Altersgruppen, verschiedene Erfahrungsstände und Lebensrealitäten machen Vereine stärker. Lykka betont zu Recht, dass Engagement nicht gegeneinander aufgewogen werden darf. Jemand, der gerade erst beginnt, ist nicht weniger wertvoll als jemand mit jahrzehntelanger Erfahrung.
Im Gegenteil: Junge Engagierte bringen häufig neue Perspektiven, andere Kommunikationswege und ein gutes Gespür dafür mit, was ihre Generation anspricht. Gleichzeitig bleiben erfahrene Menschen wichtig, weil sie Wissen, Orientierung und Kontinuität geben können.
Es geht also nicht um jung gegen alt, sondern um ein gutes Miteinander.
Was Vereine von jungen Engagierten lernen können
Ein Gedanke aus dem Gespräch bleibt besonders hängen: Junge Menschen wollen Verantwortung übernehmen, wenn sie den Raum dafür bekommen.
Bei Hansa werden Spielerinnen schon früh angesprochen, ob sie Lust haben, jüngere Teams zu unterstützen. Dadurch entsteht Schritt für Schritt eine Kultur, in der Engagement selbstverständlich werden kann.
Das ist klug. Denn Engagement fällt nicht vom Himmel. Es wächst dort, wo es vorgelebt, ermöglicht und begleitet wird.
Außerdem zeigt Lykka sehr deutlich, wie wichtig Spaß und Zugehörigkeit sind. Ehrenamt lebt nicht nur von Aufgaben, sondern auch von Gemeinschaft. Von Austausch, Fortbildungen, Gesprächen nach dem Training und dem Gefühl, Teil von etwas Sinnvollem zu sein.
Menschen bleiben nicht wegen einer Aufgabenbeschreibung, sondern weil sie sich wohlfühlen, wirksam erleben und gerne Teil des Ganzen sind.
Das ist vielleicht einer der wichtigsten Punkte überhaupt. Wer Ehrenamt stärken will, muss nicht nur Arbeit verteilen, sondern Beziehung gestalten.
Fazit
Das Gespräch mit Lykka hat sehr klar gezeigt:
Ehrenamt braucht Veränderung.
Nicht, weil sich junge Menschen weniger engagieren wollen, sondern weil die bisherigen Strukturen oft nicht mehr zu ihrer Lebensrealität passen.
Vereine müssen Aufgaben sichtbarer machen, konkreter kommunizieren, Menschen direkter ansprechen und flexiblere Wege ins Engagement ermöglichen. Gleichzeitig braucht es Wertschätzung, Vertrauen, Austausch und Bedingungen, die Freude an der Mitarbeit möglich machen.
Und noch etwas wurde deutlich: Ehrenamt ist nicht nur ein Vereinsthema. Es ist auch eine Frage von Infrastruktur, Ressourcen und gesellschaftlicher Priorität. Denn wenn Plätze fehlen, Anlagen marode sind und Rahmenbedingungen schwierig bleiben, trifft das am Ende nicht nur die Engagierten, sondern vor allem die Kinder und Jugendlichen, die eigentlich einfach nur Fußball spielen wollen.
Welche kleine Stellschraube kannst du diese Woche in deinem Verein drehen? Schreib mir dazu gerne eine Mail.

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