Impulse für Eltern und Trainer*innen im Kinder- und Jugendfußball
In einem meiner letzten Workshops stellte ein Trainer eine spannende Frage:
„Ich habe einen Spieler, der immer wieder stört. Wie kann ich das den Eltern zurückmelden?“
Und genau an diesem Punkt musste ich länger nachdenken. Denn auffälliges Verhalten lässt sich selten einfach an die Eltern „abgeben“. So einfach ist es meistens nicht.
Denn Kinder verhalten sich selten grundlos auffällig. Und bevor Verantwortung hin- und hergeschoben wird, lohnt sich oft erst einmal ein gemeinsamer Blick auf die gesamte Situation.
Im heutigen Blogartikel gehe ich den Fragen nach …
- Was steckt hinter dem Verhalten?
- Welche Rolle spielen Familie, Mannschaft und Trainerteam?
- Und welche kleinen Veränderungen könnten bereits etwas bewirken?
Denn gerade im Kinder- und Jugendfußball schauen wir oft sehr schnell auf das Verhalten selbst und viel zu selten auf das, was dahinterliegt.
Bevor ich tiefer ins Thema einsteige, ist mir allerdings eines wichtig:
Ich bin keine Pädagogin oder Verhaltenstherapeutin. Ich teile hier meine persönlichen Erfahrungen als Mutter zweier mittlerweile erwachsener Kinder und aus meinem beruflichen Kontext im Kinder- und Jugendfußball. Natürlich gibt es auch Situationen, in denen auffälliges Verhalten tiefergehende Ursachen hat und fachliche Unterstützung sinnvoll oder notwendig ist.
Mir geht es vielmehr um die vielen alltäglichen Situationen, in denen bereits kleine Veränderungen einen großen Unterschied machen können wie
- klarere Kommunikation
- verständliche Regeln
- mehr Aufmerksamkeit
- und ein besseres Verständnis für individuelle Bedürfnisse.
Deshalb verstehe meine Gedanken bitte als Impulse und Anregungen.
Willst du lieber hören statt lesen? Dann findest du hier die dazugehörige Podcast-Episode:
Inhaltsverzeichnis
Was bedeutet eigentlich „auffälliges Verhalten“?
Nicht jedes laute oder impulsive Verhalten ist automatisch problematisch. Kinder sind unterschiedlich. Manche sind temperamentvoll, sensibel, kreativ-chaotisch, zurückhaltend oder besonders lebhaft.
Von „auffälligem Verhalten“ sprechen wir meist dann, wenn ein Verhalten wiederholt auftritt und den Trainingsablauf, das soziale Miteinander oder die Entwicklung des Kindes beeinträchtigt.
Zum Beispiel:
- ständiges Reinrufen
- bewusstes Stören von Übungen
- Verweigerung
- aggressives Verhalten
- permanentes Albernsein
- Konflikte mit Mitspieler*innen
- Provokationen gegenüber Trainer*innen
- extremes Rückzugsverhalten
- oder das dauerhafte Missachten von Regeln
Wichtig ist dabei:
Nicht jedes herausfordernde Verhalten ist automatisch absichtlich störend oder „böswillig“. Oft ist Verhalten zunächst einmal ein Signal.
Verhalten hat fast immer einen Grund
Wenn Kinder oder Jugendliche im Fußball auffallen, lohnt sich die Frage:
Was möchte uns dieses Verhalten eigentlich sagen?
Denn hinter auffälligem Verhalten steckt häufig:
- Überforderung
- Langeweile
- Unsicherheit
- fehlende Zugehörigkeit
- mangelnde Aufmerksamkeit
- unklare Regeln
- familiäre Belastungen
- oder schlicht der Wunsch, gesehen zu werden
Gerade Kinder, die wenig positive Aufmerksamkeit erleben, merken oft:
Wenn ich störe, reagieren wenigstens alle auf mich. Denn auch negative Aufmerksamkeit bleibt Aufmerksamkeit.
Der Blick auf das familiäre Umfeld
Eine der wichtigsten Fragen ist oft gleichzeitig die unbequemste:
Will das Kind überhaupt Fußball spielen?
Nicht jedes Kind, das im Verein angemeldet ist, hat automatisch Freude am Fußball. Manche kommen wegen ihrer Freund*innen. Andere, weil Sport den Eltern wichtig ist. Und manche, weil „man halt irgendeinen Sport machen sollte“.
Wenn jedoch die eigene Motivation fehlt, wird vieles schwierig …
- sich an Regeln zu halten
- Verantwortung zu übernehmen
- konzentriert mitzumachen
- oder sich dauerhaft in die Gruppe einzufügen
Denn wer innerlich eigentlich gar nicht dort sein möchte, zeigt das oft indirekt.
Gibt es ähnliche Situationen auch außerhalb des Sports?
Manchmal hilft auch der Blick in andere Lebensbereiche:
- Gibt es ähnliche Konflikte in der Schule?
- Fällt das Kind auch dort durch vergleichbares Verhalten auf?
- Wie wird zuhause mit Konflikten umgegangen?
- Gibt es klare Strukturen oder eher wechselnde Regeln?
Denn Kinder übertragen häufig Erfahrungen und Muster aus ihrem Alltag auch auf den Fußballplatz.
Eltern können begleiten, aber nicht alles „lösen“
Ich erinnere mich selbst noch gut an Situationen aus der Schulzeit meines Sohnes. Wenn mir gesagt wurde:
„Ihr Sohn muss sich mündlich mehr beteiligen. Bitte sprechen sie mit ihm.“
Dann dachte ich oft:
„Ich bitte die Lehrerin ja auch nicht darum, unserem Sohn das Ausräumen der Spülmaschine beizubringen.“
Natürlich können Eltern begleiten und unterstützen. Aber wenn ein Kind Angst vor Fehlern hat, sich unsicher fühlt oder keinen Zugang zur Gruppe findet, lässt sich das nicht einfach zuhause „reparieren“.
Deshalb greift es oft zu kurz, im Gespräch Eltern nur zu sagen, „Kümmern Sie sich bitte darum.“
Der Blick auf den Sport
Genauso wichtig ist die Frage:
Was passiert eigentlich innerhalb der Mannschaft?
Denn auch dort können Ursachen für auffälliges Verhalten liegen.
Hilfreich ist es, einmal ganz konkret hinzuschauen:
- Wann tritt das Verhalten auf?
- Bei langen Erklärungen?
- Bei Wartezeiten?
- Bei Überforderung?
- Bei Langeweile?
- Oder vielleicht dann, wenn das Kind sich nicht gesehen fühlt?
Gruppendynamik und Rollen
Kinder verhalten sich nicht nur individuell auffällig. Manchmal übernehmen sie auch bestimmte Rollen innerhalb einer Gruppe.
Zum Beispiel …
- der „Klassenclown“,
- der „Rebell“,
- das „schwierige Kind“,
- oder die „Außenseiterin“
Manchmal stabilisiert eine Gruppe diese Rollen sogar unbewusst. Deshalb kann die Frage hilfreich sein, Wie reagiert die Mannschaft eigentlich auf das Verhalten? Wird darüber gelacht? Bekommt das Kind Aufmerksamkeit oder vielleicht sogar Status innerhalb der Gruppe?
Das erweitert den Blick weg vom einzelnen Kind hin zum sozialen System Mannschaft.
Scham und öffentliches Korrigieren
Manche Kinder reagieren besonders auffällig, wenn sie öffentlich kritisiert oder bloßgestellt werden. Gerade sensible oder unsichere Kinder überspielen Scham häufig mit …
- Albernheit
- Widerstand
- Provokation
- oder Rückzug
Deshalb nimm die Reflexionsfragen zur Hilfe.
- Wie korrigiere ich eigentlich?
- Vor der Gruppe?
- Oder eher kurz und ruhig im Vier-Augen-Gespräch?
Denn manchmal liegt die Ursache weniger im Kind als in der Situation selbst.
Zwei konkrete Beispiele, die das näher erklären:
Beteiligung statt permanenter Korrektur
Viele Kinder, die besonders auffallen, bringen gleichzeitig unglaublich viel Energie, Kreativität oder Ideen mit.
Die spannende Frage lautet also:
Wie kann diese Energie sinnvoll genutzt werden?
Ein Beispiel:
Ein Spieler macht beim Aufwärmen ständig Quatsch und bringt Unruhe hinein. Anstatt ausschließlich zu korrigieren, könnte man fragen:
„Du hast viele Ideen. Wie würdest du ein Aufwärmen gestalten, das dir Spaß macht?“
Und plötzlich verändert sich etwas.
Das Kind erlebt sich nicht mehr nur als „Störenfried“, sondern als aktiver Teil der Mannschaft. Es übernimmt Verantwortung, erlebt Selbstwirksamkeit und merkt, meine Ideen sind gefragt.
Generell finde ich es unglaublich wertvoll, Kinder und Jugendliche — natürlich altersgerecht — stärker in Trainingsabläufe einzubinden. Das stärkt Gemeinschaft, Vertrauen, Kreativität und oft auch die Motivation.
Klare Regeln und Strukturen helfen
Ein typisches Beispiel aus dem Vereinsalltag: Das Training ist vorbei. Einige Kinder räumen Tore und Bälle weg, andere verschwinden sofort mit ihrer Trinkflasche. Die spannende Frage lautet dann, „Wurde eigentlich jemals klar besprochen, dass Aufräumen Aufgabe aller ist?“.
Viele Konflikte entstehen nicht aus bösem Willen, sondern aus fehlender Klarheit.
Kinder brauchen …
- verständliche Regeln
- transparente Abläufe
- Orientierung
- Verlässlichkeit
- und klare Kommunikation
Hilfreich können feste Aufräum-Teams oder rotierende Aufgaben sein.
Vor allem aber müssen Kinder das Warum und den Mehrwert verstehen:
- Warum ist das wichtig?
- Warum übernehmen wir gemeinsam Verantwortung?
Denn genau solche Situationen fördern soziale Kompetenzen und die gehören genauso zum Fußball wie Passen oder Dribbeln.
Mit dem Kind statt über das Kind sprechen
Die beiden Beispiele zeigen auch, wie hilfreich es sein kann, MIT dem Kind und nicht nur ÜBER das Kind zu sprechen.
Hilfreich können die nachfolgenden sein:
- „Wie geht es dir gerade im Training?“
- „Was nervt dich?“
- „Wann macht Fußball dir Spaß?“
- „Was würdest du verändern?“
Oft entstehen daraus überraschend ehrliche Gespräche, die das Miteinander enorm erleichtern können.
Fazit
Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke … Auffälliges Verhalten verschwindet selten durch Druck, Strafen oder Schuldzuweisungen, weder von Seiten der Trainer*innen noch von Seiten der Eltern.
Kinder verändern sich häufig dann, wenn Erwachsene beginnen, genauer hinzuschauen. Nicht nur auf das Verhalten selbst, sondern auf das, was dahintersteckt. Denn jedes Kind möchte dazugehören, gesehen werden und erleben, dass es ein wertvoller Teil der Mannschaft ist.
Und manchmal hilft auch der Gedanke, dass nicht jedes Verhalten sofort „gelöst“ werden muss.
Gerade Pubertät bedeutet oft …
- Grenzen testen
- Rollen suchen
- Zugehörigkeit finden
- sich abgrenzen
- emotional schwanken
Das zu wissen, kann manchmal schon entlasten. Denn Kinder, Eltern und Trainer*innen brauchen nicht immer sofort perfekte Lösungen.
Wie gehst die mit Spieler*innen um, deren Verhalten für dich und deine Kolleg*innen herausfordernd ist? Schreib mir dazu gerne eine Mail und teile deine Erfahrungen mit uns.

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