Was ein Historiker, eine Demokratieförderin, ein Vereinsvorsitzender und ein Fußballfan gemeinsam sichtbar machen
Manchmal beginnt eine spannende Diskussion schon lange vor der eigentlichen Veranstaltung. So ist es mir ergangen, als ich mich auf die Moderation einer Veranstaltung vorbereitet habe. Unter dem Titel Widerstand und Meuterei – Fußball und Politik habe ich mich intensiv mit den Perspektiven der Gäste beschäftigt. Mit einem Sporthistoriker, einer Expertin für Demokratieförderung, einem Vereinsvorsitzenden, der seit Jahrzehnten Haltung lebt, und einem Fußballfan, der Vereine nach Kriterien wie Nachhaltigkeit, Diversität und Zugehörigkeit bewertet.
Dabei bin ich auf Fragen gestoßen, die mich selbst überrascht haben: War Sport tatsächlich jemals unpolitisch? Warum spielt Nachhaltigkeit für die Suche nach einem Lieblingsverein eine so große Rolle? Und über welchen Fußball sprechen wir eigentlich, wenn wir von „dem Fußball“ reden? In diesem Blogartikel nehme ich euch mit in die Vorbereitung auf den Themenabend und die Veranstaltung und teile die Gedanken, Fragen und Erkenntnisse, die mich dabei besonders beschäftigt haben.
Willst du lieber hören statt lesen? Dann findest du hier die dazugehörige Podcast-Episode:
Inhaltsverzeichnis
Fußball ist unpolitisch?
Kaum ein Satz wird im Fußball so häufig wiederholt.
Gleichzeitig scheint er immer häufiger an seine Grenzen zu stoßen.
Denn wenn wir auf die großen Themen der vergangenen Jahre schauen – Weltmeisterschaften in autoritär regierten Staaten wie Katar, Investorenmodelle, Menschenrechtsdebatten, Boykottaufrufe, Diskriminierung auf und neben dem Platz oder die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung von Vereinen und Verbänden – dann drängt sich die Frage auf: Ist der Fußball wirklich unpolitisch? Oder wünschen wir uns manchmal einfach, dass er es wäre?
Genau dieser Frage sind wir bei unserem Themenabend Widerstand und Meuterei – Fußball und Politik nachgegangen. Gemeinsam mit Dr. Ansgar Molzberger, Sporthistoriker des Institut für Sportgeschichte der Deutschen Sporthochschule Köln Nina Reip, Referentin für Demokratieförderung im Deutschen Olympischen Sportbund und Deutscher Sportjugend Jason von Juterczenka von den Wochenendrebellen und Gerd Thomas, ehemaliger Vorstand des FC Internationale Berlin und Gesellschafter der HARTPLATZHELDEN haben wir darüber gesprochen, wie politisch Fußball tatsächlich ist, welche Verantwortung Vereine und Verbände tragen und welche Möglichkeiten es gibt, gesellschaftliche Entwicklungen nicht nur zu beobachten, sondern mitzugestalten.
Bereits in der Vorbereitung wurde deutlich:
Die eigentliche Frage lautet längst nicht mehr, ob Fußball politisch ist. Die spannendere Frage ist: Was folgt daraus?
Über welchen Fußball sprechen wir eigentlich? Diesen Gedanken von Nina Reip habe ich seit der Vorbereitung immer wieder im Kopf. Bevor wir darüber diskutieren, ob Fußball politisch ist, sollten wir klären, was wir eigentlich meinen, wenn wir von „dem Fußball“ sprechen. Denn den einen Fußball gibt es nicht. Oft sprechen wir über Fußball, als wäre das alles dasselbe. Ist es aber nicht.
Da ist der milliardenschwere Profifußball mit seinen internationalen Wettbewerben, Medienunternehmen, Sponsorenverträgen, ich sage nur Hydration Break während der aktuellen WM-Spiele und Verbandsstrukturen. Da sind aber auch die Ehrenamtlichen, die jeden Nachmittag Trainings organisieren, die Jugendleiterin, die versucht genügend Trainer*innen zu finden, die Eltern am Spielfeldrand und die Kinder, die einfach Fußball spielen wollen.
Unterschiedliche Welten mit unterschiedlichen Interessen, Verantwortlichkeiten und Handlungsmöglichkeiten.
Gerade die aktuelle WM in den USA, Kanada und Mexiko zeigt, wie eng Fußball, Politik und Wirtschaft miteinander verwoben sind. Diskussionen über Einreisebestimmungen, gesellschaftliche Entwicklungen in den Gastgeberländern oder die Frage, wer sich diesen Fußball überhaupt leisten kann mit teilweise enormen Kosten für Trikots, Tickets und Reisen, machen deutlich: Fußball findet nicht außerhalb der Gesellschaft statt.
Vielleicht hilft genau diese Unterscheidung dabei, viele Debatten differenzierter zu führen.
Sport war nie unpolitisch
Den Einstieg in den Abend machte der Impulsvortrag von Dr. Ansgar Molzberger.
Seine zentrale Botschaft war ebenso klar wie nachvollziehbar: Sport war nie unpolitisch.
Historisch betrachtet wurde Sport immer auch für politische, gesellschaftliche und nationale Interessen genutzt. Von Staaten, von Verbänden, von Gastgebern großer Turniere und manchmal auch von den Sportler*innen selbst. Wer auf die Geschichte des Sports blickt, findet kaum Beispiele für einen wirklich unpolitischen Sport.
Besonders spannend fand ich seine Einordnung von Boykotten. Denn auch wenn Boykotte häufig als konsequente Haltung erscheinen, stellte Molzberger die Frage nach ihrer tatsächlichen Wirkung. Wer boykottiert, verlässt die Bühne. Zurück bleiben diejenigen, die mit den bestehenden Bedingungen leben können oder wollen.
Die Konsequenz aus einem Boykott tragen in erster Linie die Sportler*innen. Denn ihnen wird die Möglichkeit der Teilnahme genommen, auf die sie sich Jahre vorbereitet haben. Und ob sie bei der nächsten Sportveranstaltung, Olympiade, Europameisterschaft oder Weltmeisterschaft vier Jahre später noch bzw. wieder dabei sein können, ob sie noch immer auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sind, ist für viele unklar.
Die Debatten um einen Boykottaufruf zu Katar oder die olympischen Winterspiele lassen sie unter dem Aspekt in einem anderen Licht erscheinen.
Demokratie beginnt nicht erst beim Extremismus
Nina Reip brachte eine weitere wichtige Differenzierung in die Diskussion ein. Demokratieförderung bedeutet nicht nur, gegen Extremismus zu sein. Sie bedeutet vor allem, Räume zu schaffen, in denen Menschen Demokratie erleben können.
Viele Vereine verstehen Demokratieförderung vor allem als Reaktion auf problematische Entwicklungen. Wenn diskriminierende Aussagen fallen. Wenn Konflikte entstehen. Wenn Grenzen überschritten werden. Doch Demokratie beginnt viel früher. Sie zeigt sich dort, wo Kinder und Jugendliche erleben, dass ihre Meinung zählt.
Wo Verantwortung geteilt wird, wo Konflikte ausgetragen werden dürfen und wo Beteiligung möglich ist.
Oder anders gesagt: Demokratie ist nicht nur Abwehrarbeit. Sie ist gelebter Alltag.
Gleichwohl ist Demokratie nicht selbstverständlich, nur weil wir in einer Demokratie leben.
Was Menschen im Fußball suchen
Eine ganz andere Perspektive brachte Jason von Juterczenka ein. Bei den Wochenendrebellen geht es auf den ersten Blick um Fußball. Gemeinsam mit seinem Vater ist er seit 15 Jahren auf der Suche nach einem Lieblingsverein.
Tatsächlich geht es aber um viel mehr. Um Zugehörigkeit, um Akzeptanz und um die Frage, wo Menschen sich willkommen fühlen.
Denn seine außergewöhnlichen Reise durch die Fußballstadien Deutschlands und Europas stellt ihn als Autist vor zahlreiche Herausforderungen. Gleichzeitig erlebt er dadurch, was Zugehörigkeit, Teilhabe und Fankultur bedeuten können. Etwas, was einige Zuhörer*innen verwundert hat, wie sie mir im Nachgang berichten haben: Kein Profifußballverein der ersten 3 Ligen erfüllt alle Kriterien, die Jason für seinen Lieblingsverein formuliert hatte: Nachhaltigkeit, Diversität, Rücksichtnahme, Inklusion, ein respektvoller Umgang miteinander und der Frage Wie wird der Wertekompass wirklich gelebt? im Hinblick auf Sponsoren oder Fans, die menschenfeindliche und rechtsradikale Äußerungen im Fanblock äußern. Wobei für ihn nicht entscheidend ist, ob es dort überhaupt Menschen mit solchen Einstellungen gibt.
Entscheidend ist vielmehr die Frage, wie ein Verein reagiert, wie schnell Verantwortung übernommen wird und welche Konsequenzen folgen.
Es geht also nicht um Perfektion, sondern um Haltung.
Alles Aspekte, die Jason und vielen von uns wichtig und selbstverständlich erscheinen, in der Realität sich jedoch oftmals anders darstellen. Was es für ihn als Autist herausfordernd macht, hat Jason in einer kurzen Geschichte mit einem Plüschtier-Maskottchen beispielhaft erzählt. Er wurde einmal von einem Maskottchen umarmt, was ihn so erschreckt und ihm gleichzeitig unangenehm war aufgrund der körperlichen Nähe war, dass er seitdem Vereine mit solchen Figuren meidet.
Eine scheinbar kleine Geschichte, die deutlich macht, wie unterschiedlich Menschen Fußball erleben, was es braucht, damit Begriffe von Teilhabe aller, Vielfalt und Inklusion wirklich gelebt werden können. Arminia Bielefeld bietet als erster Verein eine Autisten-Loge an.
Haltung beginnt im Kleinen
Mit Gerd Thomas war ein Mann auf dem Podium, der seit Jahrzehnten versucht, gesellschaftliche Verantwortung nicht nur zu diskutieren, sondern im Vereinsalltag zu leben.
Der FC Internationale Berlin versteht sich seit seiner Gründung als Gegenentwurf: gegen Ausgrenzung, gegen übermäßige Kommerzialisierung und für Vielfalt, Teilhabe und gesellschaftliche Verantwortung. Was von seinem Beitrag besonders hängen geblieben ist, lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Haltung zeigen. Fehler benennen. Sich einmischen. Nicht irgendwann, Nicht erst auf den großen Bühnen des Fußballs, sondern dort, wo wir Verantwortung tragen. Im Verein. Im Ehrenamt. Im Alltag.
Denn wenn sich im Kleinen niemand bewegt, wird sich auch im Großen nichts verändern. Gleichzeitig hat er aufgezeigt, wie wichtig die Kleinen für die Großen sind, der Amateurfußball für den Profifußball. Warum da nicht etwas zurückgeben.
Gerd schlägt vor, dass jeder Profi einen für ihn unwesentlichen Betrag seiner Gage, aber mit großer Wirkung für den Amateurfußball spenden sollte, die für Kinder- und Jugendeinrichtungen oder andere gesellschaftliche Zwecke eingesetzt werden könnten.
Was bleibt?
Vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis des Abends. Die Frage ist nicht, ob Fußball politisch ist. Die Geschichte beantwortet diese Frage längst.
Die Frage ist vielmehr, wie wir mit dieser Tatsache umgehen.
- Welche Verantwortung tragen Vereine?
- Wie viel Verantwortung können wir Ehrenamtlichen überhaupt zumuten?
- Welche Rolle spielen Verbände, Sponsoren und die FIFA?
- Und wie schaffen wir es, dass Werte nicht nur in Leitbildern stehen, sondern im Alltag sichtbar werden?
Die Antworten darauf sind nicht einfach. Aber vielleicht beginnt jede Veränderung mit einer Haltung, die Gerd Thomas an diesem Abend sehr treffend beschrieben hat: Nicht wegschauen und nicht schweigen, sondern sich einmischen. Im Großen und im Kleinen.
Fazit
Der Austausch mit den Panelgäste hat mir nochmal gezeigt, dass gesellschaftliche Verantwortung im Fußball weit über die klassischen Debatten zu Demokratie, Diskriminierung, politischer Haltung oder Boykottaufrufe hinausgeht.
Auch Fragen von Nachhaltigkeit, Ressourcen, Inklusion, Teilhabe, Diversität und Zukunftsfähigkeit gehören längst dazu. Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Vorbereitung: Je länger man sich mit Fußball beschäftigt, desto schwieriger wird es, ihn auf das Sportliche allein zu reduzieren. So, das war mal eine andere Podcast-Episode und ich hoffe, sie hat dir Spaß gemacht, neue oder andere Impulse auf den Fußball gegeben.
An dieser Stelle auch ein großes Dankeschön an Tobias Thomas für die Anfrage der Moderation, die ich sehr gerne übernommen habe. Die Veranstaltung war im Rahmen des Projekts FU24Ba7l. Ich habe dir ein paar interessante Links zu den Gästen sowie den Blogartikel zur Episode in die Shownotes gelegt. Und wenn du deine Gedanken mit mir zum Thema teilen möchtest, dann schreib mir gerne eine Mail.

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