Wie Vereine Eltern zu echten Partnern machen

Heute geht es um Fair Play im Fußball. Das Thema stand im letzten Monat in vielen Verein sehr im Fokus. Denn der DFB und seine Landesverbände rücken mit ihren Fair Play-Tagen Respekt, Fairness und ein gutes Miteinander auf und neben dem Platz jährlich in den Mittelpunkt.

Eine gute Sache. Aber mal ehrlich: Fair Play hat doch keinen Kalendertermin.

Kinder und Jugendliche erleben 365 Tage im Jahr, wie wir Erwachsenen miteinander umgehen – beim Training, am Spieltag, in der Kabine und am Spielfeldrand. Und genau deshalb beginnt Fair Play für mich nicht erst auf dem Platz, sondern auch bei der Frage, wie wir im Verein, in der Mannschaft miteinander kommunizieren. Als Spieler*in, Trainer*in, Jugendleitung, Funktionär, Betreuer*in, Eltern und allen, die Teil der Vereinswelt sind.

Diese Verbindung zwischen Fair Play und Elternkommunikation ist auch ein Thema meines Impulsvortrags Elternarbeit ist leichter, als du denkst!, den ich für den Fußball-Verband Mittelrhein gehalten habe. Denn wer Eltern als Partner gewinnen, Erwartungen klar kommunizieren und ein wertschätzendes Miteinander schaffen möchte, kommt um gute Kommunikation nicht herum.

Elternkommunikation und Fair Play haben also mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick vielleicht scheint.

Natürlich wollen wir, dass Kinder und Jugendliche fair miteinander umgehen. Dass sie den Gegner respektieren, Entscheidungen des Schiedsrichters, der Schiedsrichterin akzeptieren und nach einem Foul nicht gleich den Krieg erklären. Aber dann lohnt sich ein Blick auf den Spielfeldrand.

Denn dort stehen sie: die Eltern. Sie feuern an, fiebern mit, freuen sich über jedes Tor und leiden bei jedem Gegentor. Und manchmal wird aus dem engagierten Mitfiebern ziemlich schnell ein zweiter Trainerposten. 

„Spiel ab!“, „Lauf!“, „Geh drauf!“ oder „Das war doch niemals Abseits!“

Und spätestens wenn der Schiedsrichter dann auch noch eine Entscheidung trifft, die Mama oder Papa so gar nicht nachvollziehen können, wird es interessant. Dann gerät der ein oder andere außer Rand und Band und es heißt häufig: Fair Play? Na klar. Aber bitte erst einmal für die anderen.

Willst du lieber hören statt lesen? Dann findest du hier die dazugehörige Podcast-Episode:

Kinder lernen Fair Play nicht nur beim Training

Das ist für mich einer der entscheidenden Punkte. Wir können Kindern im Training noch so viel über Respekt, Fairness und einen guten Umgang miteinander erzählen. Wenn sie am Wochenende erleben, dass Erwachsene genau das Gegenteil vorleben, haben wir nämlich ein Problem.

Denn Kinder sind hervorragende Beobachter.

Sie hören, wie über den Schiedsrichter, die Schiedsrichterin gesprochen wird.

Sie sehen, wie Eltern auf Fehler reagieren.

Sie merken, wenn der eigene Trainer, die eigene Trainer*in nach einer Niederlage plötzlich zum Schuldigen erklärt wird.

Und sie bekommen sehr genau mit, welchen Stellenwert das Ergebnis für die Erwachsenen hat.

Und dabei sind es eben nicht nur die Eltern, die sich manchmal schwer mit Fair Play tun. Auch Trainer*innen, Jugendleitungen und Vereinsfunktionär*innen sind nicht automatisch die besseren Vorbilder.

Das finde ich wichtig, denn allzu schnell wird beim Thema Fair Play gerne mit dem Finger auf die Eltern gezeigt. Und ich möchte Eltern nicht zum Problem erklären. Ganz im Gegenteil. 

Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder, dass Vereine bei schwieriger Elternkommunikation sehr schnell bei der Diagnose landen: „Die Eltern sind schwierig und nervig.“ Das ist ungefähr so hilfreich wie: „Das Wetter ist schlecht.“ Okay. Und was machen wir jetzt damit?

Eltern sind Eltern. Sie wollen in aller Regel das Beste für ihr Kind. Sie freuen sich, wenn es Tore schießt, leiden mit, wenn es verliert, und machen sich Gedanken darüber, ob ihr Kind genügend spielt, sich wohlfühlt und gut behandelt wird.

Das ist erst einmal völlig normal. Und kenne das nur allzu gut aus eigener Erfahrung.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: „Wie bekommen wir die Eltern in den Griff?“ Sondern: „Wie schaffen wir es, Eltern für ihre Rolle im Verein zu gewinnen und vorzubereiten?“

Und übrigens, diese Frage sollten wir uns bei allen Erwachsenen im Verein stellen. Das ist sinnstiftend für die Rollenklärung und die Einbindung ins Ehrenamt.

 

Eltern brauchen keine Ansage. Sie brauchen Orientierung.

Genau hier beginnt für mich gute Elternarbeit. Ich halte wenig davon, Eltern am Saisonbeginn einen Zettel in die Hand zu drücken, auf dem zehn Dinge stehen, die sie bitte zu unterlassen haben.

Nicht reinrufen.

Nicht coachen.

Nicht mit dem Trainer, der Trainer*in diskutieren.

Nicht den Schiedsrichter*in kritisieren.

Kann man machen. Nur damit haben wir noch lange keine gemeinsame Haltung geschaffen.

Viel hilfreicher finde ich die Frage: Was brauchen unsere Kinder von uns Erwachsenen, damit sie Fußball mit Freude spielen können?

Denn plötzlich verändert sich die Perspektive. Dann geht es nicht mehr darum, Eltern etwas wegzunehmen. Dann geht es darum, ihnen etwas zu geben, nämlich eine klare Rolle.

 

Was wäre, wenn Eltern einfach Eltern sein dürften?

Ich finde diesen Gedanken ziemlich charmant. 

  • Eltern müssen während eines Spiels nicht taktisch eingreifen. Dafür gibt es Trainer*innen.
  • Sie müssen keine Schiedsrichterentscheidungen bewerten. Dafür gibt es Schiedsrichter*innen.
  • Und sie müssen auch nicht jeden Fehler ihres Kindes analysieren. Das Kind weiß meistens selbst ziemlich genau, wenn etwas nicht funktioniert hat.

Eltern können etwas viel Wichtigeres tun, nämlich da sein, anfeuern, mitfiebern, trösten, sich freuen. Und nach dem Spiel vielleicht einmal eine ganz andere Frage stellen:

„Und? Hat es dir Spaß gemacht?“ und nicht „Warum hast du den Ball nicht abgespielt?“ oder „Was hat der Trainer denn da wieder gemacht?“

Das ist für mich die beste Unterstützung überhaupt.

 

Fair Play ist deshalb auch eine Frage der Elternkommunikation

Wenn Vereine Fair Play ernst nehmen, sollten sie nicht erst reagieren, wenn Eltern am Spielfeldrand aus der Rolle fallen. Dann ist es meistens schon ziemlich spät.

Gute Elternarbeit beginnt vorher. Sie erklärt Eltern, wie der Verein Zusammenarbeit versteht, sie macht Erwartungen transparent, sie gibt Raum für Fragen und schafft Möglichkeiten, Dinge anzusprechen, bevor sie eskalieren. Und sie darf dabei durchaus klar sein.

Eltern haben eine wichtige Rolle.

Trainer*innen haben eine wichtige Rolle.

Jugendleitungen und Vereinsverantwortliche haben eine wichtige Rolle.

Kinder haben eine wichtige Rolle.

Und wenn diese Rollen durcheinandergeraten, wird es schwierig.

Elternarbeit bedeutet für mich deshalb nicht, Eltern möglichst gut zu beschäftigen oder ruhigzustellen. Sie bedeutet, Beziehungen zu gestalten, Erwartungen zu klären und Menschen für eine gemeinsame Sache zu gewinnen. 

Der DFB hat dazu Fair Play Karten und einen Flyer in unterschiedlichen Sprachen herausgegeben, die du dir auf der Seite herunterladen kannst. Einige Verbände, wie beispielsweise der Fußball-Verband Mittelrhein, geben Handlungsempfehlungen heraus, damit genau das entstehen kann: ein gemeinsames Miteinander, um Fair Play zu leben und zu vermitteln.

Denn nur eine Fair Play Karte in die Hand geben reicht nicht aus, um das Gegenüber zu sensibilisieren. Dazu braucht es bereits einen frühzeitigen Beziehungsaufbau, der durch Kommunikation, Informationen und Kennenlernen geprägt ist. Hier kann ich mir auch gut eine Arbeitsgruppe vorstellen, die aus Trainer*innen, Schiedsrichter*innen, Funktionären und Eltern besteht, die gemeinsam an der Umsetzung arbeiten. So sind alle eingebunden und Eltern wird nicht nur etwas „vorgesetzt“.

Ich habe dir dazu den Blogartikel „Komm mit Eltern ins Gespräch, statt einen Bogen um sie zu machen“ verlinkt. Er schon etwas älter ist, aber noch immer aktuell ist. 

 

Am Ende schauen die Kinder sowieso genau hin

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Wir können Kindern Fair Play erklären, bis wir heiser werden oder wir können ihnen zeigen, wie es funktioniert.

  • Am Spielfeldrand.
  • In der Kabine.
  • Im Training.
  • Im Gespräch miteinander.
  • Und auch dann, wenn das eigene Kind gerade nicht gespielt hat, einen Fehler gemacht oder verloren hat.

Denn Kinder lernen nicht nur von dem, was wir sagen, sie lernen vor allem von dem, was wir tun.

  • Das gilt für Eltern.
  • Für Trainer*innen.
  • Für Vereinsverantwortliche.
  • Für uns alle.

Fair Play beginnt deshalb nicht erst mit dem Anpfiff. Es beginnt am Spielfeldrand.

 

Fazit

Fair Play ist nicht nur eine Kampagne für ein paar Tage im Jahr, sondern eine Haltung für 365 Tage. Und diese Haltung entsteht nicht von allein. Sie braucht Erwachsene, die sie vorleben und die miteinander im Gespräch bleiben.

Eltern dabei als Partner zu gewinnen, statt sie zum Problem zu erklären, ist für mich ein wichtiger Schritt. Denn wo Erwartungen klar sind, Rollen geklärt werden und Menschen miteinander reden, wird vieles leichter.

Gute Elternkommunikation schafft die Grundlage für ein faires Miteinander – auf dem Platz, am Spielfeldrand und im ganzen Verein.

Wie bindet ihr das Thema Fair Play in eure Elternkommunikation ein? Schreib mir gerne eine Mail und teile deine Erfahrungen mit uns.